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Die Kunst und die Wissenschaft des Krafttrainings

Fehlinformationen sind heutzutage überall anzutreffen  

Und zwar in allen möglichen Branchen, aber vor allem im Bereich Kraft- und Ausdauertraining ist besonders Vorsicht geboten

Man sieht heute alles mögliche- den Kampf zwischen empirisch fundierter Wissenschaft und Broscience (Pseudowissenschaftler mit grossen Muckis) welche sich wiederum mit der Oldtimer-Bodybuilding-Generation darüber zoffen, wer jetzt nun Recht hat. Ich möchte gerne die Sozialen Medien dafür verantwortlich machen, aber die Verantwortung liegt bei denjenigen hinter der Tastatur.

Keine dieser Debatten sind wirklich hilfreich, da sie es selten bis nie schaffen, das Gegenüber wirklich zu überzeugen und eher noch den eigenen Standpunkt untergraben. Aufgrund meiner Erfahrung von über vier Jahrzehnten, bin ich überzeugt, dass in der Trainingsbranche beides wichtig ist- die Erfahrung aus der Praxis und die Theorie aus der Wissenschaft. Somit kann ein effizientes und harmonisches Gleichgewicht aus beiden gefunden werden.

Was ich damit meine? Einen Punkt zu finden, der das Beste aus beiden macht und möglichst keine Kollisionen auftreten. Denn das Problem entsteht vor allem, wenn sich Erfahrungen und Wissenschaft widersprechen. Wenn eine Trainingsmethode funktioniert, will die Wissenschaft sofort Beweise aus Studien sehen, bevor die Methode angewendet werden soll. Andererseits haben Broscience-Leute, in ihrer Hast einfach alles auszuprobieren, oftmals Methoden verwendet, deren Resultate an den Versprechungen scheiterten. Die Wissenschaft ist hierbei sehr hilfreich, weil man durch sie die der Methode zugrundeliegenden Mechanismen versteht und somit besser anwenden kann. Es verbessert auch das Verständnis dafür, wie eine Technik oder eine Methode bei verschiedenen Zielgruppen angewendet werden soll, oder wie sie für unterschiedliche Ziele individuell angepasst werden kann.

Die besten Resultate erreichen Coaches immer dann, wenn sie diese Zusammenhänge und Mechanismen verstehen und einordnen können, denn so können sie den maximalen Nutzen daraus ziehen. Aus diesem Grund versuche ich meine Schüler immer dazu zu bewegen, sich weiterzubilden. Sei das mit universitären Vorlesungen, Weiterbildungen oder Workshops usw. Nur zu diesem Thema alleine habe ich eine umfangreiche Bücherauswahl. Denn ich pflege immer zu sagen: um mehr zu verdienen musst du auch mehr lernen.

Nachdem das gesagt wurde, möchte ich noch einmal auf die Kluft zwischen der Kunst und der Wissenschaft des Krafttrainings zurückkommen. Beide haben Vor-und Nachteile die man beachten sollte. Deshalb hier einige davon:

Vorteile der Wissenschaft

– Ermöglicht es, eine bereichsspezifische Fragestellung zu untersuchen, auf Basis von einer oder mehreren aufeinander aufbauenden und logischen Hypothesen

– Bietet klare Beweise dafür, was wirklich funktioniert, wie viel und unter welchen Bedingungen in konkreten Situationen und für spezifische Populationen (das „Know-How“)

– Gibt die Möglichkeit, die zugrundeliegenden Ursachen und Mechanismen der Wirkung eines Phänomens zu verstehen und somit auf verschiedene Anwendungen des genannten Phänomens anzupassen

– Verbessert das kritische und hinterfragende Denken und fördert das Prüfen von Fakten

– Vermittelt eine breitere Perspektive der Vorteile und Einschränkungen von Techniken oder Methoden und projiziert zukünftige Verwendungen der Methode oder eine ihrer Varianten

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Nachteile der Wissenschaft

– Jede Studie muss gründlich auf Relevanz und Validität geprüft werden

– Mehrere Studien von verschiedenen Quellen müssen zusammengeführt werden, um das ganze Bild zu sehen und Zusammenhänge zu verstehen

– Studien legen meistens den Fokus nur auf einen sehr begrenzten Teil der relevanten Informationen für einen Coach

– Ergebnisse aus verschiedenen Studien können sich widersprechen

– Es braucht viel Zeit um die benötigten Daten zu generieren, eine Entscheidung zu treffen und einen Konsens in der Gemeinschaft zu erreichen

Ein gutes Beispiel dafür, wie die Wissenschaft meine Karriere beeinflusst hat ist, wie ich mir selbst die deutsche Sprache angeeignet habe, um Zugang zu hoch qualitativem wissenschaftlichen Material zu haben. Das hat mir den Austausch und die Arbeit mit Top Coaches und Wissenschaftlern wie Lothar Spitz, Rolf Feser und Dietmar Schmidtblecher ermöglicht. Von ihnen lernen zu dürfen, hat mein Coaching ein ganzes Stück weitergebracht!

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Vorteile der Praxiserfahrung

– Erfolg hinterlässt Spuren- haben Pyrros Dimas und Ed Coan ihre herkulesähnlichen Kraftlevels durch das Warten auf die Überprüfung von Studien oder das Lernen von erfahrenen Mentoren erreicht?

– Ist notwendig, um in der Lage zu sein Ergebnisse in der Umsetzung zu erzielen

– Ist notwendig, um Vorteile und Erkenntnisse aus der Wissenschaft anzuwenden

– Verkürzt den Entscheidungsfindung Prozess

– Verkürzt die Bewertungszeit über die Effektivität einer Trainingsmethode für den Individual- oder Teamerfolg

– Bietet eine Orientierungshilfe für zukünftiges Training

Nachteile der Praxiserfahrung

– Limitierte Perspektiven aufgrund der eigenen, eingeschränkten Erfahrung oder selektiver Wahrnehmung durch vorgängig erlebte Situationen

– Wissen entwickelt sich sporadisch anhand Arbeits-und Trainingserfahrung und nicht in systematischer Weise

– Limitiert die Adaption oder Individualisierung, da persönliche Erfahrung oft in allen Fällen als gültig angesehen werden, trotz Beweis des Gegenteils

– Hängt mit Ego-Überzeugungen zusammen, welche das Debattieren oder Hinterfragen einer Trainingsmethode verhindern können (dies trifft jedoch auf beide Seiten zu)

– Kann zu falschen Entscheidungen führen aufgrund des begrenzten Zuganges zu neuen Elementen und Wissen

– Es braucht viel Zeit um die Erfahrungen aufzubauen

Eine der nützlichsten Fähigkeiten für die Praxis ist die korrekte Vorhersage der RM bei Sportlern, indem man ihn beim Training bei gleichbleibender Übung mit submaximalen Gewichten beobachtet. Dies macht das Planen und Strukturieren des Trainings sehr effizient und schnell. Es verhindert Zeit-und Kraftverschwendung durch zu leichte oder zu schwere Sätze. Jemand der diese Fähigkeit vortrefflich beherrscht ist Ben Prentiss von Prentiss Hockey, was man am Erfolg seiner Athleten bei der NHL deutlich sieht. Es braucht eine gewisse Zeit, um dieses Gespür zu entwickeln, je mehr Athleten man trainiert, desto mehr achtet man auf bestimmte Hinweise, die einem die korrekte Vorhersage des optimalen Gewichts für eine bestimmte Anzahl Wiederholungen erlaubt. Ein hervorragendes Buch, welches dieses Phänomen genauer beschreibt ist Blink  von Malcom Gladwell.

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Der erleuchtete Coach

Die Liste der Vor-und Nachteile könnte für beide Seiten weitergehen. Mein Fazit jedoch ist klar- die besten Praktiker haben beides: Erfahrung durch praktisches Anwenden als Coach, und Wissen über sowohl aktuelle Studien in diesem Bereich als auch über andere erfolgreiche Coaches. Unter diesen Umständen geschieht das Wunder oftmals dann, wenn die Kunst die Wissenschaft leitet, fast so wie ein Reiter sein Pferd lenkt.

Der Grund ist ganz einfach: ausprobieren was funktioniert ist was einem verbessert, nicht umgekehrt. Ein gutes Beispiel dafür ist das klassische Clustertraining, das in Nordamerika seit 1968 und im Ostblock, woher es ursprünglich stammt, sogar 20 Jahre davor bereits angewendet wurde. Wissenschaftlich fundierte Studien über die Effektivität dieser Trainingsmethode wurden aber erst 2008 publiziert. Wenn wir auf die Validierung der Forschung gewartet hätten, wären 15 Olympische Zyklen ohne diese effektive Kraftentwicklungstechnick vergangen.

Das ist das Geschenk, dass die Erfahrung der Wissenschaft machen kann. Aber Wissenschaft ist die Fackel, die Licht auf ein Phänomen wirft und es erklärt, oder jegliche Zweifel beseitigt.

Eine Sache die bereits früh einen Einfluss auf meine Karriere hatte, war das Studieren von Papers unterschiedlichster Forscher im Bereich Krafttraining aus Amerika, aber auch aus Finnland, Deutschland und Russland. Aber das Lernen der Fakten ist nur ein Teil davon, was Studien über Krafttraining einem bringen. Systematische Informationsbeschaffung hatte einen grossen Einfluss auf mein Coaching, beeinflusste meine Ansichten bezüglich den verschiedenen Trainingsmethoden und half mir dabei, Trainingsprogramme für jeden Sportler zu individualisieren. Das ist das Geschenk, dass die Wissenschaft der Kunst des Coachings machen kann.

Das Zusammenführen dieser beiden Aspekte, um Athleten optimal zu coachen, nenne ich den erleuchteten Zustand. Dies erfordert Offenheit und den Willen, den eigenen Wissens-und Erfahrungshorizont immer zu erweitern sowie Demut, die eigenen Fehler zuzugeben. Daran halte ich mich heute immer noch- nach fast vier Jahrzehnten Coaching-Karriere; ich lese jeden Tag, tausche mich mit Arbeitskollegen aus und betreue regelmässig Spitzensportler. Dabei habe ich auch viele Fehler gemacht, aber ich habe gelernt, dass jeder Fehler eine Quelle des Wissens und Fortschrittes ist. Fortschritt, nicht Perfektion. Perfektion ist der beste Weg keine Fortschritte zu machen, egal ob in der Wissenschaft oder in der Praxis.

Zusammengefasst also: Beschaffe dir Informationen aus beiden Welten um hervorragende Leistungen zu erbringen und kombiniere es mit Leidenschaft und Hingabe.

Studiere die Wissenschaft und experimentiere mit der Kunst,

Coach Charles R. Poliquin